Warum Blogs wie Nitroglycerin wirken

Posted on January 10, 2005
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Nitroglycerin:

Wegen des Sauerstoffüberschusses ist Glycerintrinitrat eine eher instabile Verbindung, die bereits durch eine geringe Aktivierungsenergie zu einer stark exothermen Reaktion gebracht werden kann. Die Flüssigkeit wird in extrem kurzer Zeit vollständig in gasförmige Produkte umgesetzt, was zu einer extremen Volumenausdehnung führt

So ähnlich könnte man auch Blogs und Ihre Wirkung auf Unternehmen beschreiben. Es dreht sich also hierbei um die Frage, ob Unternehmen Blogs beachten sollten oder nicht. Ob sie sich mit Blogs befassen sollten, um zu lernen.

Sind Blogs wichtig, weil sie von den Medien wahrgenommen werden?
Es gibt in der deutschen Medien- und Bloglandschaft eine sich abzeichnende und immer noch sehr frühe Meinung, dass Blogs mittlerweile kurz vor ihrem Durchbruch in Deutschland stehen. Natürlich ist diese Meinung nicht einheitlich. Man stellt i.A. aber eine relativ starke Zunahme deutscher Blog fest. Die Geister scheiden sich an der Interpretation: Haben Blogs bald eine ähnliche Bedeutung wie in den USA?

Siehe hierzu die Berichte:
- Spiegel über den PR Jamba Mini-GAU resultierend aus der deutschen Blogosphäre
- Spiegel über Blog im Allgemeinen
- Insight über die mangelnde Qualitätsdichte von Blogs
- Arne Trautmann über die mangelnde Diskussionsbereitschaft und mediale Non-Präsenz
- Agenturblog über den Medienfokus von Blogs
- PRBlogger über Blogs als einen der wichtigsten Trends 2005

Sind Blogs in D jetzt schon wichtig?
Wie bereits oben erwähnt, macht man anscheinend in allen Artikeln zwei implizite Annahmen:
1. Wenn es sehr viele Blogs gibt, dann müssten Blogs wichtig sein. Nur, was ist “viel”? 1.000.000? 500.000? 100.000? Ich behaupte: Es ist jetzt schon ausreichend, daß Blogs “wichtig” sind. Für Unternehmen.
2. Je mehr die bekannten Medienanbieter über und aus den Blogs schreiben, müssten doch Blogs den medialen VIP-Status bekommen. Noch handelt es sich hierbei um das alte Informationsmonopol der Medienanbieter. Wenn Medien über eine Sache berichten, ist das nach wie vor “wichtiger” als wenn Blogs darüber berichten. Auch falsch mE. Blogs sind jetzt wichtig für Unternehmen.
3. Ganz wichtig ist eine gewisse Dichte an qualitativen Blogs, damit Informationen und Meinungen Ernst genommen bzw. gründlich fundiert werden, bevor sie Ernst genommen werden können. Auch falsch. Die Blogger interessieren sich nicht so sehr für mediale, sicherlich sehr hehre und auch betriebswirtschaftliche Qualitätskriterien (zB Stern und Hitler Tagebücher). Sie interessieren sich für das Gespräch. Gespräche können vielfältig sein.

Blogs sind bereits jetzt wie Nitroglycerin
Aber all das reicht nicht zu erklären, warum Blogs imho wie Nitro sind. Daher ein Gedankenspiel, um die Explosionskraft von Blogs zu beleuchten. Nehmen wir ein Thema. Über eine imaginäre Firma Noland. Noland hat Bockmist gebaut. Sie bieten ein technisches Produkt an, das bei Weitem nicht das hält, was es verspricht. Nun wird dieses Thema von Forenusern aufgegriffen. Es entstehen in 100 verschiedenen Foren 1.000 Postings. In einem Forum über 1 Thread, in einem anderen Forum verteilt über 10 Threads, etc.. Und es tauchen parallel in 100 Blogs 100 Artikel auf. 100 Foren + 1.000 Postings versus 100 Blogs + 100 Postings. Ich wette, daß die mediale Wirkung von Blogs fürchterlich wäre, wenn es sich um die Top 100 Blogs Deutschlands handelt (siehe Blogstats). Aber die Wirkung der Foren? Auf die Medien? Ich wette, daß so gut wie nichts passiert wäre. Auch wenn die Leserzahl der Foren die der Blogs um das 10fache übersteigen würde (was sicher durchaus sehr realistisch ist als Annahme).

Explosive Rezeptur
Welche Faktoren unterscheiden dabei Blogs von Foren? Es wird nicht die Anzahl der Leser sein mE.
Es sind möglicherweise drei Faktoren:

1. Der externe Beziehungsgrad = Wie sehr kann ich den Ersteller eines Beitrags personifizieren? Je mehr ich ihn vermenschlichen kann, je mehr ich persönliche Beziehungspunkte zu ihm herstellen kann, umso gewichtiger wird dessen Wort sein. Das ist auf einem Forum nicht einfach. Dort tummeln sich hunderte und tausende von Pseudonymen, deren Inhalte über zahlreiche Postings quer verteilt sind. Hier sich ein Bild zu machen ist nur dann möglich, wenn ich das Forum bereits länger lese und damit die Alpha- und Betatierchen kenne. Auch die Beziehungen der Forenteilnehmer untereinander. Bei Blogs dahingegen kann ich mir dahingegen relativ schnell ein Bild von der Person machen. Warum? Der Inhalt der Person ist nicht verteilt über zahlreiche Postings und Threads und Subforen. Ich finde auch möglicherweise Bilder von der Person oder dessen Umfeld. Einige schreiben auch über sich eigens einen Artikel. Und sie drücken explizit über die Blogroll aus, welche anderen Blogs sie gerne lesen. Blogger haben für den Aussenbetrachter mehr persönliches Gewicht. Nur wenn ich persönliche Anknüpfungspunkte schaffen kann, wird eine Meinung sehr viel wichtig. Das ist übrigens auch der Grund, warum Superspreader so wichtig bei bestimmten Ereignissen sind. Superspreader sind anerkannte Meinungsmacher. Von vielen gelesen, gerne und weniger gerne. Aber immer gerne polarisierend. Die Beziehungspunkte zwischen Leser und Superspreader sind sehr stark. Berichtet ein Superspreader von einem anderen Blog bzw. dessen Thema, verbreitet sich das wesentlich schneller. 1:0 für Blogs.

2. Die Themenintensität: Hierbei sind eigentlich Foren stärker. Sie können ein Thema viel besser behandeln, da die technischen Mechanismen eine Auseinandersetzung mit einem Thema stärker unterstützen als Blogs und deren Kommentarfunktion. So kann ich in Blogs idR nicht technisch kenntlich machen, auf welchen Kommentar ich mich als Kommentierender beziehe. Auch kann ich selbst kein eigenes Posting aufmachen. Das muss schon der Blogbetreiber tun. Das Threading von Foren ist wesentlich förderlich. Doch die Themenintensität – sprich: Wie genau beleuchte ich ein Thema – scheint keine grosse Rolle bei der Wahrnehmung zu spielen, wenn es um mediale Awareness geht. Eines scheint aber eine Rolle bei Blogs zu spielen: Das Überspringen eines Themas auf andere Blogs. Der Leser wird von Mensch zu Mensch geleitet (Blog zu Blog), nicht so wie bei Forenthreads von Posting zu Posting und Pseudonym zu Pseudonym. 10 Menschen = 10 Blogs stellen bereits eine allgemeine Meinung oder gar einen Trend in den Augen des Betrachters dar. 10 Forenpostings für den Aussenstehenden noch nicht.

3. Der Meinungszugang: Blogs sind zu einem ganz überwiegenden Teil offen für den Internetleser. Sie bauen kaum Zugangshürden auf. Man braucht kein Login, um etwas zu lesen, man braucht kein Login, um etwas zu kommentieren. Foren sind dahingegen manchmal offen, manchmal geschlossen. Mal kann man etwas lesen, ohne eingelogged zu sein, mal nur mit Guest Status, mal mit Userlogin. Und schreiben erst recht: Meistens muss man sich registrieren. Das Internet aber ist schnell. Je grösser die Hürde, umso langsamer der Verbreitungsgrad von Informationen. Von Internetknotenpunkt zu Internetknotenpunkt und darüber hinaus.

Grafik
Das soll die Skizze auch darstellen: Blogs sind eigentlich auf den ersten Blick sehr ähnlich wie Foren, aber obwohl sie einerseits weniger “aktive User” (=analog Forenmitglieder) und andererseits Themendiskussionen nicht besonders gut unterstützen (=analog steht Themenhreading als die Kommunikationstechnik im Mittelpunkt und schlägt Blogkommentarfunktionen), haben sie bereits in der Unterzahl – was die Artikeldichte zu einem Thema angeht – eine wesentlich explosivere Wirkung als Foren. In der Skizze sind Blogs “oben” und Foren “unten”. Eingekreist in der jeweiligen Mitte steht jeweils das “Thema”. Das soll die Firma Noland sein. Und der rote Strich stellt das mediale Wahrnehmungsminimum dar. Wenn man der Theorie folgt, daß Blogs mediale Katalysatoren sind und damit die Medien “benötigen”, selbst aber noch über keine PR Macht verfügen.

Blog-Wirkungsschema

Theorie? Sicherlich nicht. Es beruht auf den Erfahrungen und Beobachtungen nach ca. 7 Jahren Forenleben und 2 Jahren Blogleben. Sind das aber alle Faktoren? Sind Blogs wirklich explosiver, obwohl es davon wesentlich weniger Aktive gibt als Forenuser?

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